Jexper Holmen: Oort Cloud
01 February 2011
Musikansich.de
Georg Henkel
NIEMANDSLAND ZWISCHEN KLANG UND STILLE
„Oort Cloud ist eine 40-Minuten-Klang-Sphäre,
inspiriert durch die Wolke aus Kometen, von der man annimmt, dass sie
das Sonnensystem in einem Lichtjahr Entfernung umkreist. Die Musik ist
extrem langsam und unerbittlich, einer kosmischen Katastrophe nicht
unähnlich." So der kurze Kommentar des dänischen Komponisten Jexper Holmen zu seinem experimentellen Stück aus dem Jahr 2008, das von den Akkordeonisten Frode Andersen und Frode Haltli sowie dem Saxofonisten Torben Snekkestad
eingespielt wurde. Man findet diesen Hinweis nur online. Das Beiheft
zur CD ist eher ein grafischer Kommentar zur Musik: Die Buchstaben aus
dem Namen des Komponisten und vom Titel des Stücks wurden hier in
endlosen Permutationen und mehr oder weniger flächendeckend auf die
Seiten gedruckt. Zeichenwolken und -konstellationen, von aufgelockert
bis dicht. Konkret und unbestimmt zugleich.
Das passt zur Musik: Eingebettet in die ungreifbaren,
silbrig-irrisierenden Clusterklänge der beiden Akkordeons, die an fernes
Orgelspiel gemahnen, bewegt sich der Saxophon-Part richtungslos
innerhalb kleiner Intervalle und lang ausgehaltener Töne in
differenzierter Blastechnik - Obertöne, Mehrklänge, Flatterzunge,
Anblasgeräusche - zwischen vielfachem Piano und grellem Fortissimo.
Während der Klang des Blasinstruments im ersten Fall mit dem der
Akkordeons verschmilzt und so etwas wie ein luminoses Halo erzeugt,
tritt er im zweiten Fall geradezu martialisch röhrend hervor. Das
metallisch-scharfe Obertonspektrum drängt sich sozusagen dicht an das
Ohr des Hörers heran, um sich dann wieder langsam davon zu entfernen,
bis erst ein fernes Gleißen und schließlich nur noch ein unbestimmbares
Glimmen zurückbleibt. Mal klingt das Saxophon wie eine menschliche
Stimme, dann wieder wie ein elektronisches Instrument.
Das ist eine sehr statische Musik, die fast an eine Klanginstallation
erinnert. Assoziationen von himmlischer Weite, von Sternenstaub und
kosmischer Strahlung drängen sich geradezu auf. Bei den dynamischen
Höhepunkten meint man, einem unbekannten Himmelskörper auf „Sichtweite"
nahe gekommen zu sein. Dann wieder scheint man sich in endlosen Räumen
zu verlieren und die Existenz der Kometen, die sich in der Oortschen
Wolke befinden sollen, nur so eben ahnen zu können.
Das Ganze ist trotz seiner Sparsamkeit ausgesprochen suggestiv, ja
hypnotisch. Man lauscht den minuziösen, über lange Zeiträume sich
hinziehenden Klangverwandlungen fasziniert - die Besetzung klingt ja
auch einfach sehr gut -, und merkt gar nicht, wie die Zeit vergeht, bis
sich das Stück nach rund 40 Minuten einfach in jene Stille hinein
verflüchtigt, aus der es hervorgegangen ist.
Nach einer kurzen Pause folgt - unter dem gleichen Track! - ein zweites
Werk in der genannten Besetzung. Allerdings ist der Komponist ein
anderer. Martin Stig Andersens Cosmogyral Echo (2010)
spielt jedoch ebenfalls auf kosmische Räume und Vorgänge an. In Textur
und Haptik ähnelt es dem ersten Werk so, dass sowohl der Titel (Echo)
wie auch die Kombination und der lose Anschluss stimmig sind. Das
Saxofon verbleibt hier aber durchweg im Hintergrund, als gefärbtes
Rauschen. Man vernimmt davon nur ein fernes, dunkles Glühen, während die
Akkordeonklänge sich in immer eisigere, dünnere Höhen hinaufbewegen,
bis ein Niemandsland zwischen Klang und Stille erreicht wird. Wie schon
beim ersten Stück gewinnt man den Eindruck, lediglich einem Ausschnitt
aus einer potentiell unendlichen - ewigen - Musik gehört zu haben.
Ein experimenteller Trip für Hörer mit offenen Ohren und kontemplativem
Geist! Diese Reise tritt man am besten über Kopfhörer an.
