Simon Steen-Andersen: Pretty Sound - Solo and chamber works
01 April 2011
Neue Zeitschrift für Musik
Dirk Wieschollek

Musikalische Wertung: 4
Technische Wertung: 5
Repertoirewert: 3
Booklet: 4
Gesamtwertung: 4
Schon John Cage, dem es bekanntlich ein leidenschaftliches Anliegen
war, die gewohnten Grenzen der Wahrnehmung auszuhebeln, hatte ein
besonderes Faible dafür, das Unhörbare hörbar zu machen. Er bedauerte,
dass die Mikrofontechnik seiner Zeit es nicht wirklich fertig brachte,
die Geräusche zu vergrößern, die Pilze machen, wenn sie wachsen oder
Insekten darin ihr Unwesen treiben. Für den dänischen Komponisten Simon
Steen-Andersen ist es ebenfalls ein hörbares Bedürfnis, ganz nah an den
Ursprung seiner Klänge heranzutreten und mit gezielter Mikrofonierung
die Physis der Klangerzeugung zum integralen Bestandteil seiner Musik zu
machen. Bei Steen-Andersen trifft sich Cage mit Lachenmann, wenn man so
will, und die schmutzigen, hybriden Ergebnisse seiner Zoom-Techniken
lassen aufhorchen.
Dabei werden nicht nur die sattsam bekannten Verfremdungsprozeduren
altbewährter Klangerzeuger rekrutiert, sondern auch die Kapazitäten
eines unkonventionellen Instrumentariums erforscht. In Study for String
Instrument # 2 (2009) kommt das Gitarrenpedal «Whammy» zu Ehren, das die
Klänge von Cello und Gitarre bis zur Unkenntlichkeit verbeult. On And
Off And To And Fro (2008) verwendet nicht nur Saxofon, Vibrafon und
Cello, sondern auch drei Megafone, die erst wie Verstärker eingesetzt
werden, später ein durchgeknalltes Eigenleben als Rhythmusmaschine oder
Sirene entwickeln. Der schon im Titel implizite Aspekt der Bewegung ist
nicht nur musikalisch wesentlich für die Arbeiten von Steen-Andersen,
ihr Performancecharakter ist unüberhörbar, wenn auch per Aufnahme nur
bedingt transportierbar. «An und Aus und Hin und Her», so geht es hier
zu zwischen kurzen Melodiefetzen und sattem Lärm, abrupten Unisoni und
wirren Aufspaltungen, verzerrten Atemgeräuschen, unerträglich hohen
Frequenzen oder ächzenden Pressions-Geräuschen - Mühsal der
Klangproduktion.
Subtile Klang-Mikroskopie und improvisatorische Gestik vereinen sich in
Rerendered (2003) zur «kollektiven Musik» für mehrere Akteure an einem
Klavier, deren Klangresultate allerdings sattsam bekannt erscheinen,
auch wenn sie das Innere des Instruments betreffen. Weitaus
interessanter: In Her Frown (2007) für zwei Performer, das sich der
Unmöglichkeit von Kommunikation in Gestalt eines absurden
Geräusch-Theaters annimmt und dabei eine Vielzahl diffuser Sprach- und
Laut-Artikulationen auffährt, welche die Textebene bewusst verunklaren.
Zusätzlich entfachen geschüttelte und geblasene Papierbögen hier
veritable Geräuschgewitter, werden die Schraffuren eines Stifts durch
extreme Klangvergrößerung zum tosenden Sturm.
Das alles ist nicht wirklich neu und längst von Cage und Kagel
vorexerziert. Dennoch darf man gespannt sein, auf welche Weise
Steen-Andersen in Zukunft so traditionelle Formate wie das
Streichquartett (für Witten 2012) und den großen Orchesterapparat (für
Donaueschingen 2013) verbiegen wird.