Heinrich Schütz: Matthäus-Passion
09 June 2011
Klassik.com
Dr. Matthias Lange

Interpretation: 



Klangkualität: 


Repertoirewert: 


Booklet: 

Heinrich Schütz hat mit seinen Historien und
Passionen eine Reihe bemerkenswerter Alterswerke komponiert. Neben dem
fast volkstümlichen Ton der atmosphärisch dichten Weihnachtshistorie
lässt vor allem die implizite Archaik der Passionen aufhorchen: Schütz
führt die in seinem avancierten Modell der rezitativischen Passion
typische, vielschichtige Einstimmigkeit zu schönster Ausprägung. Schon
die keineswegs komplexe Mehrstimmigkeit der Turba-Chöre unterstreicht
dann eindrucksvoll, welche satztechnische und expressive Verdichtung
Schütz hier erreicht. Zweifellos war Heinrich Schütz Verfechter einer
fundierten kompositorischen Basis - vielleicht am deutlichsten im
Vorwort zur Publikation seiner Geistlichen Chormusik ausgedrückt.
Insofern ist seine im Alter vollzogene Hinwendung zur Sphäre des - in
seiner Substanz wie in seinen Ausdrucksmöglichkeiten freilich filigran
und subtil erweiterten - Einstimmigen nur konsequent. Ohne helfendes
Bassfundament passten Schütz' Passionen nicht nur in die
instrumentenlose Karwoche des Dresdner Hofes, sondern waren zugleich
Teil des späten ästhetischen Programms des erfahrenen Tonsetzers. Auch
die Matthäus-Passion des Jahres 1666 ist eines dieser großen Werke, die
Schütz als schöpferische Lebenssumme hinterließ. Eine vergleichbare
Konzentration beim Einsatz kompositorischer Mittel wäre bei aller
Begabung jugendlicher Frische und früher Meisterschaft kaum zugänglich
gewesen.
Differenziert und textorientiert
Paul Hillier hat sich mit seinem dänischen Ensemble Ars Nova
Copenhagen in einer kleinen Reihe diesen erzählenden Kompositionen
Schütz' zugewandt, durchaus mit guten oder noch besseren Ergebnissen,
auch mit gewissen Reserven in der Deutung, die sich allzu oft vom Wort
zu lösen schien. Die letzte Platte bringt nun die Matthäus-Passion zu
Gehör: Im Zentrum steht Julian Podgers Evangelist. Podger verfügt über
eine charaktervolle, individuelle Stimme, mit der er die
Evangelistenerzählung jenseits nüchternen Berichtens zu beleben weiß.
Sein Rezitationsstil ist fließend, gerät gerade in der Mittellage der
Stimme angenehm leicht und selbstverständlich. Podger betont das
Lyrische, spricht klar und zugleich sehr natürlich - ohne instrumentale
Begleitung wäre eine überscharfe Diktion auch nicht unbedingt das Mittel
der Wahl. Gerade der Text der Matthäus-Passion bietet mit seiner
Vielfarbigkeit etliche Möglichkeiten zur dramatischen Entfaltung. Die
nutzt Podger engagiert und entschlossen.
Während die Partie des Evangelisten in jeder der Einspielungen von
einem anderen Tenor gesungen wurde, war Jacob Bloch Jespersen als Jesus
die Bass-Konstante: Er singt mit seiner großen Stimme einen eher
statischen und überpersönlich gezeichneten Jesus, ist gleichwohl
geschmeidig und deutlich differenzierter im Einsatz seiner Mittel als
auf der ersten Platte der Reihe. Die Partien der Soliloquenten werden
dezent und zurückhaltend gesungen, mit klarer Diktion.
Einleitung, Beschluss und Turba-Chöre werden von den zwölf Vokalisten
des Ensembles in einem schwebenden Klang feinsinnig vorgetragen, auch
mit einer gewissen Agilität und doch nie übermäßig geschärft. Paul
Hillier lässt sprachnah singen, führt die Vokalisten gelegentlich aber
doch beispielsweise allzu strahlend in Endsilben, die dem Sprachduktus
folgend deutlich unbetont sind.
Das Klangbild der in der Kopenhagener Garnisonskirche entstandenen
Aufnahme ist groß, von einigem Volumen und damit sehr lebendig und
vielfarbig. Doch zugleich - das fällt bei der konzentrierten
instrumentenlosen Besetzung aber nicht allzu gravierend ins Gewicht -
ist es etwas zu unpräzis, fasst es die Strukturen in der Größe des
Raumes nicht optimal.
Paul Hillier und seinem kleinen Ensemble gelingt mit Geduld eine
sehr überzeugende Interpretation, vor allem geprägt vom eindringlich
gestaltenden Julian Podger als Evangelist. Hillier nimmt das Spezielle
des solistischen Rezitierens nicht in Kauf, sondern deutet die feinen
immanenten Potenziale dieser Setzweise aus. Dabei scheint er spürbar
textorientierter als zu Beginn der Reihe vorzugehen. Im besten Sinne
lässt der erfahrene Engländer erzählen - dramatisch, plastisch, lyrisch,
entlang des fesselnden Passionsgeschehens.
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