Per Nørgård: Piano Works
01 August 2009
Klassik.com
Tobias Pfleger

Schildkrötentango und Vogelrockballade - Per Nørgårds Klaviermusik
Der 1932 geborene dänische Komponist Per Nørgård gehört zu den
bekanntesten und meistbeachteten skandinavischen Komponisten. Nicht nur
wegen des Umfangs seines Schaffens und dessen Breite (Sinfonien, Opern,
Kammermusik, Vokalmusik, Chormusik), sondern vornehmlich wegen seiner
kompositorischen Kunstfertigkeit und Wandlungsfähigkeit ist er auch
hierzulande im Konzertleben präsent, zumeist in den Aufführungsreihen
zeitgenössischer Musik. In unserem nördlichen Nachbarland freilich
werden seine Werke nicht nur häufig gespielt, sondern auch mit
Einspielungen dokumentiert; zuweilen mit Einspielungen, die das Prädikat
‚beispielhaft‘ verdienen.
Letzteres darf der vom dänischen Label Dacapo veröffentlichten
Aufnahme einer Auswahl von Nørgårds Klavierwerken verliehen werden. Der
Pianist Erik Kaltoft, ein besonders in den Gefilden zeitgenössischer
Musik sehr umtriebiger Künstler, widmet sich einigen der ‚kleineren‘
Klavierwerke von Per Nørgård. Aufgenommen hat er hier einige Sammlungen
kurzer Klavierstücke. Besonders interessant sind die stilistischen
Unterschiede zwischen den Werken um 1960 und den Werken ab etwa 1980.
Während Nørgård in den jüngeren Werken eine sich in einzelnen Motiven,
Intervallen und melodischen Modellen festbohrende Musik entfacht,
scheinen die älteren Werke von einer ständigen Suche nach neuen
Ausdrucksmöglichkeiten im Dunstkreis zentraleuropäischer Avantgarde
geprägt. Mal arbeitet er hier, etwa in den Fragments I-IV (1959-61)
mit komplexen rhythmischen Abläufen, die durch mikroskopische
Verschiebungen Momente der Unsicherheit entstehen lassen, mal schichtet
er melodische Zellen in unterschiedlichen Zeitmaßen übereinander, eine
Technik, die später die eingängige Bezeichnung ‚Unendlichkeitsreihe‘
bekam und seitdem als Markenzeichen von Per Nørgård in Anschlag gebracht
wird, wenn es gilt, den Komponisten der Klassifizierbarkeit halber mit
einem Etikett zu versehen.
Den jüngeren Werken eignet im großen Ganzen eine stärkere
Differenzierung klanglicher Elemente sowie eine melodisch-harmonische
Strukturierung, die stärker auf spezifische Intervallkonstellationen
ausgerichtet ist, manchmal durchaus in der Nähe von tonalen Zentren.
Nicht zu vergessen ein Arbeiten mit ‚Fundsachen‘ (wie sie im sehr
informationshaltigen Booklet genannt werden), also Anklängen an Themen
und Motive anderer Komponisten. Unter dem Titel ‘Animals in concert'
(1984/1997) sind (bisher) drei Klavierstücke versammelt: A Tortoise's
Tango, ein Schildkröten-Tango, in dem die etwas täppische Schildkröte
mit ungelenken Bewegungen einen Tango versucht, ‘Light of a Night - Paul
meets bird' und Hermit Crab Tango - Esperanza. ‘Light of a Night -
Paul meets bird' zitiert den Beatles-Song Blackbird und schiebt die
bei dem Beatles-Original dazugemischte Amsel als pianistische Umformung
in die zerfasernden Songfetzen. Man könnte sich diese Stilmischung
trefflich als Szene vorstellen: treffen sich die Beatles mit Messiaen im
Haus von Per Nørgård... Überformt wird die Stilverbindung mit dem Idiom
von Nørgård, in diesem Stück besonders fasslich in der allmählichen
Filtrierung von Zentralintervallen, in der sich die Musik dann zu
verbeißen scheint. Diesem Kreisen um herausgelöste Intervalle haftet
aber hier nichts (negativ) Auswegloses an, es ist hat eher den Charakter
einer (positiven) Konzentration. Nicht weniger unterhaltsam auch der
Tango es Eremitkrebses. Nach dem zweisätzigen ‘Cob Weaver and other
Secrets on the Way' (2002) faszinieren vor allem die Nine Friends aus
dem Jahr 1984. Nørgård porträtiert mit neun kurzen Klavierstückchen
einige seiner Freunde (die mit Vornamen den Einzelsätzen auch
eingeschrieben sind) - ein Schelm, wer da nicht an Elgars Enigma-Variationen denkt. Nørgård rückt die Wiederholung von
melodischen Zellen hier zuweilen in die Nähe der Minimal music, und doch
scheint stets alles in ständiger Metamorphose begriffen: bloße
Wiederholung findet sich hier nicht, denn stets wird das
Wiederaufgegriffene mit Neuem überformt.
In Erik Kaltoft findet diese Musik einen denkbar günstigen
Interpreten. Nørgård Klavierstücke leben weniger aus dem Klangfarblichen
als aus der Präsentation von Melodie und Rhythmus. Daher passt nicht
nur der sehr direkte, präsente und geradlinige Klang dieser Aufnahme
wunderbar zu der Musik, sondern vor allem der pianistische Zugriff von
Kaltoft. Er zeichnet die Melodiefragmente deutlich nach, schmückt die
Musik nicht aus, wo sie ganz kühl daherkommt und versieht die frühen
Stücke, beispielsweise die Nine Studies (1959) mit einer Klarheit und
Deutlichkeit, die durch eine eher Klangfarben betonende Spielweise an
Poesie einbüßte -einer Poesie, die direkt in der musikalischen Substanz
eingelagert zu sein scheint. Was aber freilich den Pianisten nicht von
der Aufgabe entbindet, diese möglichst feinsinnig zum Klingen zu
bringen. Erik Kaltoft schafft das und macht Per Nørgårds Klavierstücke
damit zu einem wunderbaren Fundus an Klanggesten, Melodien und
rhythmischen Bewegungstypen.