Wolfgang Amadeus Mozart: Idomeneo, re di Creta
05 March 2011
Klassik.com
Dr. Daniel Krause
Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert:
Booklet:
|
   
   
   
     |
Adam Fischer hat jüngst von sich reden gemacht, nicht auf dem Wege
der Musik und gewiss nicht durch eigenes Verschulden: ‚Liberale',
‚Juden', ‚Kosmopoliten' sind nicht wohlgelitten im Ungarn Viktor Orbáns.
Als Generalmusikdirektor der Budapester Oper war Fischer dermaßen
dreisten und kunstfernen staatlichen Eingriffen ausgesetzt, dass seine
Demission unausweichlich wurde.
Fischers Zusammenarbeit mit der Dänischen Radiosinfonietta, auch als
Dänisches Nationales Kammerorchester bekannt, wird durch die betrübliche
Entwicklung in Ungarn vermutlich noch intensiviert. Ein Schwerpunkt
liegt von jeher auf dem Schaffen Mozarts, so wurde für Dacapo ein Zyklus
der Opere serie eingespielt. Hier liegt Idomeneo vor, 2005 in ‚Danish
Radio Concert Hall', Kopenhagen, eingespielt, in einem akustischen
Ambiente - transparent und arm an Hall -, das Fischers leichtfüßiger,
federnder Gangart bestens entspricht.
Luzide Dionysien
Fischers Ehrgeiz geht erklärtermaßen darauf aus, einen ‚wilden‘,
ungebärdigen, klassizistischer Glättung fernen Mozart-Stil auf die
Klangbühne zu bringen: zumal mit Blick aufs jugendliche Hauptwerk,
'Idomeneo', ein legitimer, vielversprechender Ansatz - dies umso mehr,
als Fischer zu differenzieren versteht. Ihm ist bewusst, dass
ununterbrochene Adrenalin-Ausschüttung ermüdet. Für Andante- und
Adagio-Strecken wird also gesorgt, von Dauer-Hysterie kann keine Rede
sein. Auch die Dynamik zeigt sich flexibel: Dass ein Kammerensemble am
Werk ist, hilft, klangliche Verdickung vermeiden und nähfadenfeine
Phrasierungen spinnen. (Der Gebrauch moderner Instrumente steht dem
keineswegs entgegen.) Besonders erfreulich: Sforzati blitzen für Momente
auf, um sofort ins Piano oder Mezzoforte zurückzusinken. So machen sie
zuverlässig Effekt, der Lärmpegel bleibt andererseits unter Kontrolle.
Erstaunlich, wie viel Drama Fischer in Stille und Verhaltenheit
entdeckt. Auch Rezitative werden ohne Forciertheit, doch deutlich.
ausformuliert. Das Cembalo ergänzt sie um ‚exotische', barockisierende
Farben.
Klassisch, nicht klassizistisch
Klassizistische Glättung findet nicht statt. Fischers Zugriff kann
gleichwohl als ‚klassisch' gelten - gemäß der nach späterem Maßstab
vergleichsweise diskreten, Extreme scheuenden Ästhetik des späten 18.
Jahrhunderts. Adam Fischer malt mit feinem Pinsel, sein Interesse gilt -
bei aller ‚Wildheit‘ - eher Nuancen als großspurigen, volltönenden
Gesten.
Entsprechendes gilt fürs Ensemble der Sänger. Es präsentiert sich
ungewöhnlich homogen, weil alle Akteure auf den klassischen Tonfall
eingestimmt sind: Ihr Vortrag ist, mehr oder minder, durch schlanke
Stimmführung, sparsam dosiertes Vibrato und genaue Diktion bestimmt. Es
waltet Diskretion und Sorgfalt, die Worte werden aufmerksam, mit wachem
Sinn für Bedeutungsschattierungen artikuliert.
Dacapo stellt 300 Seiten Booklet bereit, einschließlich des Librettos
in italienischer, deutscher, französischer und englischer Sprache.
Ausführliche Erläuterungen zur Entstehungsgeschichte und musikalischen
Gestalt der Oper samt Fragmenten aus Mozart-Briefen verleihen dem
Booklet ein außergewöhnlich seriöses Gepräge.