W.A. Mozart: Symfonier Vol. 4
02 November 2009
Klassik.com
Tobias Phleger

In Adam Fischers Zyklus der Mozart-Sinfonien liegt nunmehr die vierte
Folge vor: Nicht nur, weil die hier aufgenommenen vier Sinfonien aus
dem Jahr 1771 unter dem Titel ‚Vol. 4‘ zusammengestellt sind, sondern
weil es sich tatsächlich um die vierte SACD in dieser Serie handelt.
(Die Zählung der Folgen orientiert sich an der Entstehungszeit der
Sinfonien, nicht an der Reihenfolge der Veröffentlichung; Vol. 5 wurde
als erste veröffentlicht, dann folgten Vol. 6 und 7.) Konnte vor allem
die sechste Folge aus dem Jahr 2007 durch eine hoch differenzierte
orchestrale Gestaltung für sich einnehmen, so kündigten sich schon in
der nächsten Einspielung einige Marotten an, die mit der vorliegenden
Aufnahme immer deutlicher werden, etwa eine über die Maßen spitze und
heftige Staccato-Artikulation der hohen Streicher. Wurde diese Eigenart
der Tongebung in der letzten Folge noch abgefedert von der etwas
halligen Akustik des Konzertsaals des Dänischen Rundfunks, so kommt
diese Klangcharakteristik nun insofern deutlicher zum Tragen, als diese
SACD in einem Studio des neuen Gebäudekomplexes des Dänischen Rundfunks
mit trockener Akustik aufgenommen wurde.
Vier Sinfonien aus dem 1771 legte der ungarische Dirigent Adam
Fischer dem Dänischen Nationalen Kammerorchester aufs Pult: die
G-Dur-Sinfonie Nr. 12 (KV 110), die Sinfonie C-Dur (KV 96), die
F-Dur-Sinfonie Nr. 13 (KV 112) und zum Schluss Mozarts Sinfonie A-Dur
Nr. 14 (KV 114). Die viersätzigen Werke lässt Fischer mit allen
Wiederholungen spielen, was den knappen Sonatensätzen gut bekommt, in
manchem 'Andante'-Satz aber nicht in solcher Konsequenz nötig gewesen
wäre. Die Dialogwirkungen der antiphonisch aufgestellten Geigen werden
in den Menuett-Trios durch die Reduzierung des Streicherkörpers auf
einen Spieler pro Stimme unterstützt. Musiziert wird auf modernem
Instrumentarium. Soviel zu den äußeren Charakteristika.
Adam Fischer zeigt sich hier einmal mehr als ein versierter
Modellierer des Orchesterklangs. Nicht nur die Balance der Stimmen ist
durchweg sehr gut gelungen, auch die Handhabung der orchestralen Kräfte
zum Zweck einer musikalischen Dramaturgie - und zuweilen fulminanten
Steigerungspassagen, z.B. in den Finalsätzen - beherrscht Fischer auf
überzeugende Weise. Die Musik ist hier nicht nur flott, bisweilen sogar
richtig fetzig; sie entwickelt vor allem deswegen eine solche
Sogwirkung, weil Fischer stets auf ein Ziel hin musizieren lässt, meist
unterfüttert mit dem Schwung, der sich aus unterschiedlichen metrischen
Schwerpunktbildungen ergibt. Das verleiht etwa den Ecksätzen der
F-Dur-Sinfonie ungestüme Energie, deren ländliche Derbheit durch manch
rustikale Betonung verstärkt wird. Vor allem aber die A-Dur-Sinfonie
erscheint als Höhepunkt dieser Zusammenstellung, weil hier
unterschiedliche Bewegungsformen, das rhythmisch Prägnante neben dem
melodisch Milden, gleich überzeugend transportiert werden: Die konträren
musikalischen Charaktere werden aufs Schärfste herausgearbeitet. Auch
die dynamische Schattierung lässt nur wenige Wünsche offen: In Relation
zu anderen Interpretationen keine, in Relation zu Fischers
vorhergehenden Aufnahmen zumindest einige, weil die hoch subtile
Differenzierung hier einem etwas flächigeren Zugriff gewichen ist.
Eine Stärke von Adam Fischers Interpretationen ist die konsequente
Darstellung von Kontrasten in melodischer, rhythmischer, dynamischer
Hinsicht - vor allem aber in artikulatorischer. Nach wunderbar feinen
Legato-Strichen lässt Fischer die Streicher des Dänischen Nationalen
Kammerorchesters um des Kontrastes willen mit solcher Heftigkeit und
Barschheit (hörbar nahe am Frosch) in die Saiten gehen, dass dem
Klangresultat nicht selten eher perkussiver Charakter eignet denn
melodischer. Freilich, manchmal wird dies als atemberaubender Effekt
eingesetzt, etwa im Kopfsatz der F-Dur-Sinfonie, wo die Piano-Einschübe
fast col legno erklingen, ein frappierender Effekt. Wo aber sich eine
Melodielinie aufschwingt, um dann in mehr gehackten denn gestrichenen
Vierteilnoten ihren Höhepunkt zu erreichen, schlägt die scharfe
Gegenüberstellung von weichen Bögen und Staccati in ein Extrem um. Dass
die Geigen auch sehr feinsinnig zu Werke gehen können, zeigt sich etwa
in dem con sordino gespielten 'Andante' der F-Dur-Sinfonie mit seinen
dynamischen Gegenbetonungen (Forte auf unbetonter Zählzeit, Piano auf
betonter). Das wird von den Streichern des Kammerorchesters mit
äußerster Delikatesse zum Klingen gebracht, und gerade in den langsamen
Sätzen ließen sich noch weitere positive Beispiele beibringen. Auch die
Bläser leisten erstklassige Arbeit, allen voran die präsenten und mit
Impetus agierenden Hörner.
Wenn also diese Folge im Gesamten weniger hinzureißen vermag als die
früheren, dann vor allem wegen der übertrieben forcierten Artikulation
der hohen Streicher. Auch wenn dadurch von Fischer Kontrastwirkungen
erzielt werden, die über das gängige Maß weit hinausreichen und ein
Mozart-Bild weitab aller graziösen Betulichkeit gezeichnet wird, wirken
diese Effekte doch einseitig überzogen. So faszinierend und expressiv
das Umfeld auch musikalisch gestaltet ist.