Rued Langgaard: Music of the Spheres
16 August 2010
Musikansich.de
Georg Henkel
SPHÄRENHAFT!
Der Komponist Rued Langgaard (1893-1952) ist ein
Unikum, dessen Musik in den wildbewegten Jahren zwischen den Weltkriegen
eine Randexistenz führte. In Dänemark wurden seine spekulativen
spätromantisch-symbolistischen Klangwelten wenig zur Kenntnis genommen,
in Deutschland hat man sie immerhin eine Zeit lang auf die Programme
gesetzt. Dennoch konnte sich der Komponist trotz mancher stilistischer
Wandlungen nie wirklich durchsetzen, kämpfte bis zum Ende seines Lebens
um Anstellungen und Anerkennung. Das hat sich erst nach seinem Tod
geändert, vor allem in dem Maße, wie man in ihm einen fortschrittlichen
Konservativen entdeckte, der spätere avantgardistische Entwicklungen
vorweggenommen hat.
Insbesondere seine Sphärenmusik darf beanspruchen, eines der
merkwürdigsten und fantastischen Werke des frühen 20. Jahrhunderts zu
sein. In gewisser Hinsicht ist dieses zwischen 1916 und 1918
entstandene, sehr großbesetzte Werk für Orchester, Sopransolo und Chor
ein Gegenstück zu dem fiktiven archaisch-barbarischen Stil, mit dem
Stravinsky 1913 in seinem „Le Sacre du Printemps" für Aufsehen sorgte.
Langgaard wirkt was die klanglichen Mittel angeht, zunächst
„retrospektiver", spätromantisch im Geiste von Skrjabin. Aber wie
er z. B. die überreife, chromatisch gesättigte Harmonik einsetzt und
mit ihnen große vibrierende Klangbänder und Räume - eben Sphären -
gestaltet, das ist so ungewöhnlich, dass die Irritationen des damaligen
Publikums verständlich sind.
Ein Beispiel: Im letzten Abschnitt seiner Sphärenmusik wird zunächst
über 90 Sekunden einfach nur ein gewaltiger Klangblock ausgespielt, ein
endlos gedehnter Tonkomplex, der durch kreisende Kontrapunkte in den
Blechbläsern ausgefüllt und intern belebt wird. Das Ganze kippt dann in
einen apokalyptischen Paukenwirbel, über dem die Geigen in höchsten
Lagen flirren. Ein unbewegliches Dröhnen und Gleißen von umwerfender
Mächtigkeit, dass den Auftritt des Antichristen bezeichnet, bevor ein
fast schon banales Harfen-Arpeggio zur geheimnisvoll funkelnden Sphäre
der finalen Christuserscheinung überleitet (eine Art „Debussy-in-Space",
bei dem glissandierend gestrichene Klaviersaiten wie eine Zutat aus
einer noch zukünftigen elektronischen Musik wirken).
Im Grunde hat sich eine derart statische oder nur zeitlupenartig sich
verändernde Musik erst viel später etabliert, z. B. in György Ligetis
„Atmosphères", den Eintonstücken Giacinto Scelsis oder dem
„Spiegel-Zyklus" von Friedrich Cerha. Das aber ist Musik der 1960er
Jahre. Bei Langgaard ist die Musik allerdings weniger abstrakt; der
Komponist formuliert immer wieder Ausdrucksmomente, die wie Inseln aus
den Klangbändern auftauchen. Auch die Titel deuten darauf hin, dass es
im weitesten eine programmatische (metphysische oder symbolistische)
Musik ist, die sich nicht im reinen Klang aufhält, sondern etwas
bedeuten möchte: ein Traumbild, ein Ritual, ein Zauber, eine
Endzeitvision. Die meisterliche Orchestrierungskunst Langgaard
überrascht die Ohren mit immer neuen Klangkombinationen und Farbspielen.
Das motivische Material mag dabei durchaus „konventionell" sein, in der
„minimalistischen" Perpetuierung solcher Gestalten und ihrer
Kombination mit den sphärischen Klängen wirkt es allerdings neuartig und
fremd. Die Musik bekommt etwas Ornamentales; Form wird durch Ausdehnung
und Skala ersetzt, einzelne Klangzonen und -bänder wechseln einander ab
oder folgen aufeinander und bilden eine Art Fries oder Teppich.
Auch in der musikalischen Szene Das Ende der Zeit, einem Extrakt
aus Langgaards Oper „Antichrist", gibt es zu Beginn solche
stillstehenden Klangräume. Aber der opernhaft-dramatische Ton, der sich
manchmal durch einen gewissen Wagnerismus auszeichnet, sorgt dann doch
für eine ganz andere, reichbewegte Textur. Die Musik schäumt geradezu in
ihrer Klangekstase, will überwältigen und mitreißen. Das Kühne und
Unerhörte (die melodische Streicherschlange im ersten und letzten
Abschnitt könnte glatt den Soundtrack für die Weltraum- oder
Unterwasserszene eines alten James-Bond-Film abgeben ...) paart sich auf
zwingende Weise mit vertrauteren Klängen. Auch hier also: Die Mischung
macht's.
Das gilt schließlich auch für das mahlerisch angehauchte kurze Aus der Tiefe
für Chor und Orchester, Langgaards letzter Komposition (1950/52).
Dieses „Requiem" beginnt im vollen Orchester kontrapunktisch wild bewegt
und fratzenhaft - der 1. Satz von Mahlers 6. komprimiert und in
Technicolor - bevor nach einer ruhigen, dunklen instrumentalen
Überleitung ein Chorsatz in einer Art Neorenaissance-Stil einsetzt, der
dann weiter in Richtung von Brahms „Requiem" mutiert und schließlich als
triumphaler, Tamtam-geschwängerter Langgaard endet.
Die Leistungen der Interpreten sind diesen Brocken überaus angemessen. Thomas Dausgaard
entfacht beim Dänischen Nationalsinfonieorchester ein Orchesterfeuer,
das vom sanften Glimmen und Glosen bis zum Feuersturm reicht. Der nicht
minder geforderte Chor ist ebenso sattelfest und stets klangschön.
Schließlich überzeugen auch die Solisten, allen voran der dramatische
Mezzo von Hetna Regitze Bruun im „Ende der Zeiten".
