Rued Langgaard: Music of the Spheres
13 March 2011
Klassik.com
Tobias Pfleger
Klangwelten der Peripherie
Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert:
Booklet:
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Wer Musikgeschichte vor allem als
Geschichte ‚großer Komponisten‘ begreift, die zumeist in den
musikalischen Zentren wirkten, verliert allzu leicht aus dem Blick, was
neben diesen Größen und an der Peripherie passierte. Und so konnte es
geschehen, dass György Ligeti auf den Rat von Per Nørgård hin die
Partitur eines Stücks des dänischen Komponisten Rued Langgaard in die
Finger bekam und nach Durchsicht sein Erstaunen äußerte: ‚Ich wusste gar
nicht, dass ich Langgaard-Epigone bin!‘ Anlass zu dieser Aussage war
Rued Langgaards Sfærernes Musik (Sphärenmusik, komponiert 1916-18).
Das Werk liegt nun in der Langgaard-Reihe des dänischen Labels Dacapo in
einer exzellenten Einspielung vor. Auch hier dirigiert Thomas Dausgaard
das Dänische Nationale Sinfonieorchester des Dänischen Rundfunks sowie
zugehörige Chöre.
Sphärenklänge
Langgaards Sphärenmusik konnte man (obgleich sie 1921 in Karlsruhe
uraufgeführt wurde und spätere Aufführungen unter anderem in Berlin
stattfanden) leicht übersehen, denn Langgaard befand sich als Däne nicht
nur an der Peripherie des mitteleuropäischen Musiklebens, sondern
gewissermaßen an deren peripheren Außenposten: Nachdem er als Kritiker
der tonangebenden Musikästhetik in Kopenhagen dort keinen Fuß in die Tür
bekam, war er gezwungen, als Organist in Ribe (Westjütland) über die
Runden zu kommen. Dort schuf der zuerst mit monumentaler Sinfonik
Hervorgetretene Werke, die heute als (für ihre Zeit) hochmodern
angesehen werden: Wiederholungsschleifen mit minimalen Veränderungen
finden sich ebenso wie frei fließende Klangströme, die nicht als
zielgerichteter Prozess sich fortzupflanzen scheinen. Und dann ist da
eben noch die Betonung des Klangs, der nicht mehr klangliche Außenseite
der musikalischen Substanz ist, sondern sie selbst.
Das zeigt sich etwa in der Sphärenmusik für Solo-Sopran, Chor,
Orchester und Fernorchester. Das vokal-instrumentale Aufgebot lässt
Monumentales erwarten, und doch werden in den vierzig Minuten währenden Sphärenmusik nur am Schluss alle Kräfte gebündelt; zumeist fließt der
Klang in wellenförmiger Intensität in kleinen bis kleinsten dynamischen
Regionen dahin. Wie bei vielen anderen Werken Rued Langgaards geben die
Zwischenüberschriften der mitunter sehr kurzen Abschnitte Hinweise auf
die symbolistische Ästhetik des Komponisten. Die Sphärenmusik fängt an
mit 'Wie Sonnenstrahlen auf einem mit duftenden Blumen bedeckten Sarg',
fährt fort mit 'Wie Sternenschimmer an einem bläulichen Himmel bei
Sonnenuntergang', dazwischen finden sich etwa 'Sehnsucht - Verzweiflung -
Extase', 'Chaos - Ruin - fern und nah' und am Schluss 'Das Ende:
Antichrist - Christ'. - Die Zusammenstellung der Einspielung ist
insofern schlüssig, als auf das ‚Antichrist - Christ‘-Ende der Sphärenmusik die gewissermaßen eingedampfte viersätzige Essenz von
Langgaards Oper Antikrist mit dem Titel Endens Tid (Zeit des Endes)
folgt. Dessen vierter Satz Katastrofen (Die Katastrophe) findet seine
stimmige Fortführung in dem Chor-Orchesterwerk Fra Dybet (Aus der
Tiefe).
Runde Klanggestaltung
Die als hybride SACD produzierte Einspielung wartet mit einem
hervorragenden Klang auf, wodurch sowohl Farbe, Dichte als auch Dynamik
von Langgaards Klangströmen aufs Beste transportiert werden. Thomas
Dausgaard erweist sich auch hier einmal mehr als versierter
Langgaard-Dirigent, der die Sinnlichkeit, die Stimmungsveränderungen,
die subtilen Beleuchtungswechsel wunderbar einzufangen vermag. Mit dem
Dänischen Nationalen Sinfonieorchester steht ihm ein Klangkörper zur
Verfügung, der in Sachen Langgaard mittlerweile erfahren ist und die
Musik als reich schattierten Gesamtklang zusammenzufügen versteht;
Transparenz der Einzellinien ist hier nicht Garant orchestraler
Qualität, und so, wie die Farben, Schraffuren und Überblendungen hier
verfugt werden, gelingt es hervorragend, die Qualitäten von Langgaards
Musik aufs Beste zu akzentuieren.