Dietrich Buxtehude: Scandinavian Cantatas
28 January 2011
Musikansich.de
Sven Kerkhoff
POLYGLOTTE OSTSEEKÜSTE
Das Bild Dietrich Buxtehudes (1637-1707) als herausragendem Vertreter
der protestantischen, deutschprachigen Kirchenmusik wird mit dieser
Produktion um interessante Facetten ergänzt: Alle Werke vertonen
lateinische oder schwedische Texte. Bei den schwedischsprachigen Stücken
handelt es sich nicht etwa um solche aus Buxtehudes früher Phase im
damals dänischen, heute zu Schweden gehörenden Helsingborg, sondern wohl
um spätere Auftragskompositionen. Im Ostseeraum waren und sind die
Entfernungen kurz, die Sprachenvielfalt aber erheblich. Das Herren var
Gud ist eine für Buxtehude typische Chorlavertonung, die durch die
Instrumentalbegleitung und instrumentale Einschübe sehr bewegten
Charakter bekommt. Hingegen ist Att du Jesu vill mig höra streng
strophisch komponiert, wird aber durch eine herrliche Symphonia und
ein raffiniertes Ritornell angereichert. Unter den lateinischen Werken
findet sich bemerkenswerterweise eine Fronleichnamshymne auf einen Text
Thomas von Aquins (Pange lingua gloriosi), die also offenbar auch in
protestantischen Kirchen Verwendung fand, obwohl jenes Fest dort nicht
begangen wurde. Darüber hinaus begegnet uns eine Missa brevis, wie auch
Bach sie komponiert hat, nämlich lediglich aus Kyrie und Gloria
bestehend. Sie ist Buxtehudes einzige Komposition im stile antico und
wirkt fast wie ein Lehrstück des strengen Kontrapunkts. Das Accedite
gentes stammt aller Wahrscheinlichkeit nach nicht von Buxtehude und
weist dann auch eine für ihn eher untypische obligate Begleitung der
Singstimmen auf. Charakteristisch hingegen wiederum das Domine salvum
fac regem als geistliches Konzert für fünf Stimmen, mit seinem Wechsel
zwischen Solo- und Tutti-Abschnitten und dem konzertierenden
Instrumenalpart, der Buxtehudes Musik so lebendig und vielgestaltig
macht. Dieses Werk besticht durch seine festliche Grundstimmung.
Paul Hillier, als Mitbegründer des legendären Hilliard-Ensembles
einer der Spezialisten für Alte Musik, präsentiert die Werke mit dem von
ihm 1989 aus der Taufe gehobenen Theatre of Voices mit
aetherisch schwebender Leichtigkeit und größtmöglicher Transparenz. Alle
sechs Sänger spüren sensibel der Delikatesse dieser Musik nach und
verstehen es auch, das Ausdrucksspektrum vom klagenden Att du Jesu bis
zum feierlichen Domine salvum fac regem perfekt auszudifferenzieren. The TOV Band
liefert dazu einen schlanken, tänzerisch-bewegten Instrumentalpart. Die
beiden ergänzenden Orgelstücke stellt die Buxtehude-Expertin Bine Bryndorf mit gewohnter Souveränität vor.
Dass man als Aufnahmeort die Marienkirche in Helsingör gewählt hat, mag
zwar musikhistorisch stimmig sein, erhielt der jungen Buxtehude hier
doch seinen ersten Orgelunterricht. Klangtechnisch erweist sich die
Entscheidung aber als nicht ganz zuträglich, da die Aufnahme sehr viel
Hall abbekommen hat, der für Buxtehudes sehr komplexe Vokalmusik
problematisch ist und dem Bemühen des Theatre of Voice um Transparenz
zuwiderläuft.
