Asger Hamerik: Symfonierne
01 June 2010
Audiophil
Hoog
Die sieben
Symphonien; Requiem
Ob sich ein
Epigone im eigentlichen Sinne des Wortes "entdecken" lässt, ist gewiss eine
spitzfindige Frage. Wenn einer nur nachahmt, was andere vor ihm (origineller)
geschaffen haben, dann geht es uns am Ende wie Johannes Brahms, der bei
anhörung des ersten Violinkonzerts von Max Bruch standing aufstehen musste, um
die alten bekannten zu grüβen. Die schöpferische Wanderung durch historische "Selbstbedienungsläden"
muss freilich nicht immer in virtuelle streitigkeiten über Urheberrechte
münden, wofür der Däne Asger Hamerik (1843-1923) ein beeindruckendes Beispiel
bietet. Der Schüler von Niels W. Gade, J.P.E. Hartmann und, man höre und
staune, von Hector Berlioz bewegte sich in seinen sieben Symphonien zunächst
geraume Zeit auf den Spuren Beethovens, den er mit einem Hauch Schubert, etwas
Schumann und gelegentlichem Mendelsohn bei mitunter vorkommender
Blechartillerie à la Berlioz versah. Doch man darf dabei nicht vergessen, das
ser als Leiter des Peabody Institute von Baltimore rund ein Vierteljahrhundert
(1871-1896) die europäischen Kunstereignisse immer erst mit postalischer Verzögerung
in die Hände bekam - und da seine Symphonik fast ausschlieβlich in der Neuen Welt entstand,
gerieten die stilistischen Mitbringsel allmälich auf eine sehr bemerkenswerte
eigene Flugbahn von faszinierender Intensität und ergreifender Schönheit. Spätens
bei der scharfkantigen Sechsten (Symphonie spirituelle), der überwältigenden
Siebten für Mezzosopran, Choir und Orchester sowie vor allem bei dem Requiem,
in dem Hamerik tatsächlich die gregorianische Dies Irae-Sequenz verwendet, werden wir uns freiwillig von unsern
Plätzen erheben. Nicht, weil wir einen guten Bekannten getroffen hätten,
sondern weil die Musik fürwahr ins Innerste trifft.