Dietrich Buxtehude: Scandinavian Cantatas
02 January 2011
Klassik.com
Dr. Matthias Lange
Es kommt in der deutschen Rezeption gelegentlich ein wenig zu kurz,
dass Dietrich Buxtehude (1637-1707) mit gutem Grund auch als
skandinavischer Künstler angesprochen werden kann: Geboren in
Helsingborg, mit dem Vater über den Sund nach Helsingør gezogen, dann
später selbst als Organist in diesen beiden Städten tätig, bevor er seit
1668 die Stelle des Organisten und Werkmeisters in der Lübecker
Marienkirche antrat und damit seine Lebensposition gefunden hatte.
Der mit seinem Ensemble Theatre of Voices seit einiger Zeit in
Dänemark beheimatete Paul Hillier hat als Sänger und Dirigent einen
weiten Horizont von ältester Musik bis zu ambitionierten
Vokalkompositionen der Gegenwart durchmessen. Darin fügt sich die
Beschäftigung mit dem Werk Buxtehudes nahtlos ein, wie die vorliegende
Platte zeigt. Deren Programm umfasst neben einigen Kantaten auf
lateinische Texte auch die beiden einzigen überlieferten Kantaten auf
schwedische Texte BuxWV 8 und 40. Gegliedert wird die Platte von zwei
charakteristischen Orgelwerken Buxtehudes, dem Präludium e-Moll BuxWV
142 und der Passacaglia in d-Moll BuxWV 161. Und als besondere
Spezialität erklingt die einzige Komposition, die Buxtehude im alten
Stil komponiert hat, seine knappe 'Missa alla Brevis' BuxWV 114. Dieser
überschaubare Ausflug Buxtehudes in die Sphäre des alten Stils
charakterisiert ihn als interessierten Satztechniker, der sich des
kompositorischen Erbes sehr bewusst war, seinen von ästhetischer
Fortentwicklung bestimmten Weg dennoch unbeirrt fortsetzte. Ein
interessantes und mit Blick auf das Repertoire durchaus relevant
zusammengestelltes Programm also, das neben typischen Kompositionen auch
einen Ausschnitt des vielgestaltigen Werkes Buxtehudes vorstellt, der
weit weniger im Zentrum des allgemeinen Interesses steht.
Expertise
Paul Hillier führt in seinem Theatre of Voices versierte Vokalisten
zusammen: Die beiden Soprane Else Torp und Bente Vist, den Altisten
William Purefoy, die Tenöre Adam Riis und Johan Linderoth sowie die
voluminösen Bass Jakob Bloch Jespersen. Sie alle verfügen über klare,
technisch sehr solide basierte Stimmen, die entsprechend ihrem Register
eine jeweils typische, deutlich profilierte Klangprägung aufweisen. Die
Vokalisten formen fein balancierte Ensembles, lösen sich aber auch mit
großer Souveränität solistisch aus diesem Kontext.
Unterstützung finden sie dabei vom schmal besetzten
Instrumentalensemble, das ohne technische oder intonatorische Mängel
agiert, klangsinnlich, sensibel und mit eminenter stilistischer
Sicherheit spielt. Die Instrumentalisten um den Ersten Geiger Peter
Spissky grundieren das vokale Geschehen, setzen aber auch vernehmliche
eigenständige Akzente.
Mit der Organistin Bine Bryndorf tritt schließlich eine Interpretin
von erheblichem Format hinzu. Auf dem plastisch und mit würziger Schärfe
zeichnenden Instrument der Marienkirche in Helsingør spielt sie manuell
exzellent und präsentiert ihre ganze stilistische Erfahrung - der
ausufernde ‚stylus phantasticus' des Präludiums kommt ebenso optimal zur
Geltung wie die Verbindung von formaler Strenge und variativer
Phantasie in der Passacaglia.
Besondere Erwähnung verdient das Klangbild: Die Aufnahme wurde im
erheblich dimensionierten Raum der Marienkirche von Helsingør
realisiert. Das entstandene Bild ist dennoch sehr präzis, gut
balanciert, plastisch gestaffelt und von einem natürlich erheblichen
Raumeffekt überwölbt, aber doch nie dominiert. Diese souveräne, zugleich
nicht risikolose Einbeziehung des Raumes als Teil musikalischer
Interpretation wird barocker Klangästhetik absolut gerecht. Dass unter
diesen Bedingungen von Vokalisten und Instrumentalisten akkurat und
entschieden artikuliert werden muss, ist eindeutig und wird von den
Akteuren auch geleistet, ohne dabei in allzu kleinteilige Manierismen zu
verfallen. Das dreisprachige Booklet in dezenter Gestaltung informiert
sehr ausführlich und fundiert.
Paul Hillier und seinem Ensemble gelingt eine klangorientierte,
raumbasierte Auffassung interessanter Kanteten Dietrich Buxtehudes, mit
leichter Hand zusammengeführt und zu einem schlüssigen, auch mit Blick
auf das Repertoire interessanten Programm geformt.