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Dacapo Forsiden
Dacapo - Danmarks Nationale Musikantologi
e-maerket

Format:  SACD

Katalognummer:  6.220572-73

Stregkode:  747313157266

Udgivelsesdato:  Feb 2010

Periode:  Sent 20. århundrede

Anmeldelse


Per Nørgård: Der Göttliche Tivoli

25 May 2010  klassik.com
Tobias Pfleger

Per Nørgårds Musiktheaterstück ‘Der göttliche Tivoli' ist ein großer Umschlagplatz. Stets schlägt ein Zustand in einen anderen, eigentlich gegensätzlichen um: Wahnsinn in kreative Freiheit, musikalische Komplexität in ungeregeltes Kinderspiel, Singen in Sprechen, Textsemantik in Wortlaute und Lautworte. Diesen Gegensatz mag schon der Untertitel von Nørgårds Oper ausdrücken; er lautet ‚Idyllen und Katastrophen'. Und in der Tat: Per Nørgård hat mit diesem 1982 fertiggestellten Musiktheaterwerk nicht nur (scheinbar unvereinbare) Gegensätze seiner musikalischen Sprache vereint, sondern mit der Thematik um Adolf Wölfli die Grenzen zwischen Genie und Wahnsinn auf die Bühne gebracht. Der 1930 gestorbene Adolf Wölfli gab schon zu Lebzeiten seiner Umgebung Rätsel auf, entfaltete der nach schweren Misshandlungen selbst zum wahnhaft Gewalttätigen gewordene und, als geisteskrank deklarierter, in ärztlicher Behandlung befindliche Wölfli doch eine schier unbegrenzte Kreativität, der sein behandelnder Arzt eine ästhetische Dimension zubilligte. Die zahlreichen Zeugnisse Adolf Wölflis gaben, als Beispielsobjekte für den Umschlag von psychischer Beschädigung in kreative Produktion, Sinnlosigkeit und Chaos in künstlerische Entgrenzung wesentliche Impulse für Künstler des 20. Jahrhunderts. Auch Per Nørgård ließ sich von Wölflis regelloser Kreativität anregen.

Nun liegt ‘Der göttliche Tivoli' in einer Doppel-CD mit umfangreichem Beiheft vor, erschienen beim dänischen Label Dacapo. Als Produkt einer Zusammenarbeit des Theaters Lübeck, wo Nørgårds Oper 2007 ihre deutsche Erstaufführung erfuhr, und dem Stadttheater Bern darf eine solche Produktion als sehr seltene, umso begrüßenswertere Erscheinung auf dem heutigen Plattenmarkt gelten. Wer produziert schon noch zeitgenössisches Musiktheater für die CD - und noch dazu in solcher Qualität! Dacapo legt mit d Nørgård ‘Göttlichem Tivoli' eine weitere, rundum überzeugende Produktion vor. Angefangen bei der Klangqualität über die musikalische Gestaltung bis hin zum Beiheft ist diese Aufnahme erstklassig gelungen. Die verschiedenen Texte im Booklet scheinen Auszüge aus den Programmheften der Theaterkooperation zu präsentieren; man wird nicht nur über den Komponisten, sondern vor allem über den historischen Adolf Wölfli sowie der Figur in Nørgårds Oper informiert.

Der Instrumentalpart ist angelegt für sechs Schlagzeuger, Synthesizer und Violoncello - ein klangfarbliches Skelett, das allemal reicht, um die grotesken Umstürze von banalem Kinderwitz in todernste Bedrängnis auszumalen. Bestehend aus einem Vorspiel, drei Prologen und zwei Akten (‘Zerstörung' und ‘Erschaffung'), die wiederum in einzelne Stationen unterteilt sind, erschafft Per Nørgård eine Musik, die im einen Moment hoch komplex anmutet, um sogleich im anderen in regelloses, verspieltes (oder doch abgründig dämonisches?) Kindergehämmer überzugehen. Den Synthesizer setzt Nørgård nur sparsam ein, vor allem in Momenten kindlicher Verspieltheit. Sie entstehen vor allem, wenn Wölfli in einer seiner imaginierten Figuren auftritt, als kleines Kind (Doufi) oder als Skt. Adolf I und Skt. Adolf II.

Das Vokalensemble, bestehend aus der Sopranistin Andrea Stadel, Fabienne Jost (Alt), Daniel Szeili (Tenor), und den Baritonen Hubert Wild, Steffen Kubach und Bernd Gebhardt widmen sich den Figuren samt ihren Musiken mit großen Engagement. Bei dem einen oder anderen mag zuweilen bemerkbar sein, dass die Erfahrung mit den Anforderungen an vokalen Entgrenzungen in der zeitgenössischen Musik etwas geringer sind als bei anderen, aber im großen Ganzen agiert hier ein Ensemble, das Nørgårds zuweilen skurril anmutende Musik lebendig und bewegend zum Klingen bringt. Die Übergänge von klaren Aussagen (‘Ich fühle heisse Winde wehn') zu lautmalerischen Äußerungen (‘Swung poi noi, Mitta Z'witt'), in denen Schwyzerdütsch und Vokalfarben ineinanderfließen, werden von den Vokalisten mit hörbar großem Engagement und stimmlich-gesanglicher Kunstfertigkeit gestaltet. Alles in allem: Eine rundum überzeugende Einspielung eines selten gespielten Musiktheaterwerks des 20. Jahrhunderts, das durchaus Überraschendes, Bewegendes, Skurriles, Lustiges und Groteskes zu bieten hat.





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